Plazenta essen: Studie belegt keine Vorteile sondern warnt eher vor Gefahren


Veröffentlicht am 28.08.2015 von Marie

geburt-plazentaDie Schwangerschaft ist eine aufregende Zeit. Viele Entscheidungen sind zu treffen und so bewegen die werdenden Eltern eine Menge Fragen: Wo soll die Entbindung stattfinden – zu Hause, in der Klinik oder im Geburtshaus? Welche Entbindungsart wählt man – eine Wassergeburt, einen Kaiserschnitt oder den Gebärhocker? Soll man das Nabelschnurblut einlagern oder spenden? Und neuerdings stellen sich viele Frauen auch die Frage: Was passiert mit der Plazenta? Soll der Mutterkuchen entsorgt, begraben oder gegessen werden?

Bildquelle: eloisa / pixabay.com
Was passiert mit dem Mutterkuchen nach der Geburt? Man könnte die Plazenta essen oder zu Globuli verarbeiten. Risikoloser ist es allerdings, die Nachgeburt im Garten zu vergraben und einen Lebensbaum darauf zu pflanzen.

 

Richtig gelesen, Plazenta essen entwickelt sich in bestimmten Kreisen zum Trend. Die Verarbeitungsstufen reichen dabei von roh über gekocht bis hin zu gemahlen und in Kapseln verpackt. Wer in den USA als Mutter „up-to-date“ sein will, verzehrt die eigene Plazenta. Mittlerweile schwappt der Trend auch über den großen Teich zu uns: Es kursieren viele Gerüchte über die angeblich positiven Effekte des Plazenta-Essens. Nun ist eine Gruppe Forscherinnen diesen vermeintlichen Wirkungen nachgegangen und befasst sich in einer Studie ausführlich mit dem Trend.

 

Plazenta-Essen – ein Trend, den sogar Hebammen propagieren

Als Hauptargument der Befürworterinnen dient die Tatsache, dass im Tierreich die Mutter unmittelbar nach der Geburt die Plazenta verspeist. Mancher Beobachter vermutet, dass sich die Mütter so eine Extra-Portion Nährstoffe zurückholen, um die bei der Geburt aufgebrauchten Reserven auszugleichen. Wenn der Mensch den Mutterkuchen nach der Geburt verspeist, wäre das also ganz natürlich. Back to the roots, quasi. Der naheliegendste Grund für das Verhalten im Tierreich ist allerdings ein anderer. Eine verwesende Plazenta würde Beutegreifer sehr schnell auf die Spur von Mutter und Kind bringen. Deswegen essen Tiere die Plazenta auf, um so Spuren zu verwischen.

Freunde des Plazenta-Essens preisen weitere Vorteile an: So würden durch die Hormone und Nährstoffe in der Plazenta die Muttermilchproduktion angekurbelt oder eine Wochenbettdepression abgewendet. All das sind bislang lediglich Behauptungen, die Auswirkungen des Verspeisens der Plazenta sind bislang wissenschaftlich nicht untersucht. Forscherinnen von der Northwestern-University in Chicago haben nun Pionierarbeit geleistet und erstmals überhaupt die Studienlage zu diesem Thema zusammengetragen. Bislang gibt es kaum Untersuchungen. Das Beste, was sie finden konnten, ist eine Studie aus dem Jahr 1954. Sie wird zwar häufig von den Befürwortern angepriesen, allerdings genügt sie heutigen wissenschaftlichen Standards längst nicht mehr, um aus ihr Erkenntnisse ziehen zu können.

 

Bestenfalls hat das Verspeisen der Nachgeburt eine Placebo-Wirkung

Befragt wurden damals Mütter, die gefriergetrocknete Plazenta verzehrt hatten. Sie gaben an, dass sie mehr Muttermilch produzieren würden. Eine Kontrollgruppe, die anstelle der Plazenta ein Placebo bekommen hatte, gab es allerdings nicht. Dieses Versäumnis wurde später mit einer kleinen Gruppe von Frauen nachgeholt, dennoch lässt diese Untersuchungen keine eindeutigen Schlüsse zu.

Die Forscherinnen aus Chicago berichten auch von Tierversuchen. Diese lassen vermuten, dass die in der Plazenta enthaltenen Stoffe die Wirkung vom Körper selbstproduzierten schmerzhemmenden Substanzen verstärken können. Allerdings müssen diese körpereigenen Opioide in sehr hohen Konzentrationen bereits vorliegen. Die bei der Geburt ausgeschütteten Botenstoffe reichen an das erforderliche Level längst nicht heran.

Die Daten aus den Tierversuchen geben weiterhin keine Hinwiese darauf, dass das Essen der Plazenta die Milchproduktion ankurbelt und deswegen generell mehr Milch produziert würde. Auch die Vermutungen, dass sich der Körper so schneller von der Schwangerschaft erholt oder der Hormonhaushalt sich schneller wieder einpendelt, können Tierversuche bislang nicht bestätigen.  

 

In vielen Kulturen gilt die Plazenta als unrein und wird beerdigt. Nur sehr selten werden ihr gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt

Als nächstes schauten sich die US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen an, ob sich ethnologische Belege für die Thesen finden. Fakt ist: Das Verspeisen der Plazenta ist und war in keiner der untersuchten Kulturen üblich. Man kann hier also keineswegs von Traditionen der Urvölker oder dergleichen reden. Nur in wenigen Gesellschaften gab es den Glauben, die Plazenta könnte gesundheitsfördernde Wirkungen haben. In einigen Kulturkreisen gilt die Nachgeburt sogar als unsauber.

Im 16. Jahrhundert wurde in China eine Quelle verfasst, die getrocknete, menschliche Plazenta als Heilmittel gegen verschiedene Leiden auflistet. Allerdings sind es nicht die Leiden der Damen, die damit kuriert werden sollten sondern die der Herren. Die menschliche Plazenta wurde hier gegen Impotenz und Unfruchtbarkeit eingesetzt.

Der im Fachblatt "Archives of Women's Mental Health" veröffentlichte Artikel kommt daher zu dem Schluss, dass bislang kaum Daten zur Wirkung des Plazenta-Essens vorliegen, sodass sich keine Rückschlüsse auf die menschliche Gesundheit ziehen lassen. Die Forscherinnen warnen jedoch vor voreiligen Schlüssen, indem man sich sagt: „Wenn es schon nicht hilft, kann es ja auch nicht unbedingt schaden.“ Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf die natürliche Funktion der Plazenta. Sie ist eine Barriere und soll das ungeborene Kind schützen, indem Giftstoffe und Erreger aufgehalten werden. Sicherlich enthält das Gewebe recht viel Eisen. Es kann aber auch abgelagerte Schwermetalle, Bakterien oder Viren enthalten.

 

Grundfunktion des Mutterkuchens birgt Risiken

Viele Frauen achten während der Schwangerschaft und Stillzeit extrem auf ihre Ernährung. Es erscheint daher umso paradoxer, dass einige trotzdem bereit sind, etwas zu essen, dessen Nutzen nicht eindeutig belegt ist und dessen Risiken wissenschaftlich bislang nicht ausgeschlossen wurden. Weitere Probleme lauern außerdem in der Lagerung, Zubereitung und Dosierung. Es gibt hierfür schlicht und ergreifend keine verbindlichen Standards.   

Wer nicht möchte, dass die Plazenta einfach wie Müll entsorgt wird, kann sie sich durchaus mit nach Hause geben lassen und im heimischen Garten vergraben. Wenn man dann noch der Tradition folgt, dass man einen Lebensbaum darauf setzt, tut man zumindest etwas Gutes für die Umwelt und wenn dann der Lebensbaum ein Apfelbaum ist, hat man wirklich eine effektive Gesundheitsvorsorge für sich und seine Familie getroffen – unabhängig vom Plazenta-Essen, Plazenta-Globuli oder Mutterkuchen-Nosoden.

 

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